Als Ennio Morricone nach drei Stunden - unter tosendem Beifall des Publikums - die Bühne der eindrucksvollen Londoner Royal Albert Hall verließ, endete ein Abend, der von mitreißenden musikalischen Darbietungen und großer Emotionalität geprägt war, ein Abend der dem feierlichen Anlass nur gerecht wurde.
Ennio Morricone wurde an diesem 10.November 2003 fünfundsiebzig Jahre alt.
Und viele langjährige Interpreten seiner Kompositionen begleiteten den Maestro; die Pianistin Gilda Buttà, der Violinist Antonio Salvatore, der Cellist Luca Pincini, der Flötist Paolo Zampini und an der Viola Fausto Anzelmo (....um nur einige wenige zu nennen), allesamt Teil von Morricones Stammorchester, der Roma Sinfonietta.
Der gesangliche Part wurde von dem Crouch End Festival Chorus, von der Sopranistin Susanna Rigacci und der portugiesischen Fado-Sängerin Dulce Pontes bestritten und das wahrlich überzeugend, dazu aber später mehr.
Denn den Anfang machte eine vierzigminütige Dokumentation, inszeniert von Morricones Sohn Giovanni, die aus zwei Teilen bestand und auf der demnächst erscheinenden DVD "Ennio Morricone-Arena Concerto" enthalten sein wird. Butà, Pincini und Zampini interpretierten im ersten Teil Filmkompositionen Morricones (warum das ausgerechnet vor einem Konzert gezeigt wurde ist mir allerdings ein Rätsel) und im zweiten, interessanteren Teil, äußerte sich der Maestro in einem herrlich lakonischen Stil über seine Erfahrungen mit diversen Regisseuren und über die Unterschiede zwischen seinen Filmkompositionen und seinem Konzert-Repertoire.
Nach der Video-Aufführung füllte sich die ausverkaufte Albert Hall und pünktlich um 20 Uhr eilte geradezu Ennio Morricone auf die Bühne um nach kurzer intensiver Begrüßung durch das Publikum mit dem Konzert zu beginnen.
Das Programm bestand aus vier Blöcken, die ausgesuchte Filmkompositionen Morricones thematisch zusammenfassten: Life and Legend -bezeichnenderweise am Anfang des Konzerts....-, The Modernity of Myth in Sergio Leone's Cinema, Social Cinema und Tragic, Epic and Lyrcal Cinema.
Mit einem wirklichen Paukenschlag begann das Konzert, mit dem Main Title (überraschenderweise nicht mit dem weitaus populäreren End Title!) aus THE UNTOUCHABLES und es folgte im fließenden Übergang eine wunderbar zusammengestellte Suite aus ONCE UPON A TIME IN AMERICA, ein früher Höhepunkt des Abends und es sollte nicht der einzige bleiben!
Das gerade diese beiden Kompositionen an den Anfang gesetzt wurden, kann man getrost als taktisch geschicktes Manöver bezeichnen, denn wenige seiner vielen Filmmusiken genießen einen solch hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad.
Das Publikum war elektrisiert. Daran konnte die leider etwas uninspiriertere und von den Bläsern zu laute Intonierung der jazzigen Elemente des THE LEGEND OF 1900-Themas auch wenig ändern, denn Buttàs Klavier-Spiel in dem Thema zu CINEMA PARADISO war wieder leidenschaftlich vorgetragen und die erste Möglichkeit Beifall zu spenden wurde euphorisch genutzt.
Die eigentliche Überraschung folgte anschließend in dem virtuosen Violin-Spiel von Antonio Salvatore in dem für den Film CANONE INVERSO komponierten kurzen Violin-Konzert und der Suite aus LA TENDA ROSSA mit dem ersten Beitrag des durchgängig überzeugenden Chors.
Die letztgenannte Filmmusik wird erst seit kurzer Zeit von Morricone in Live-Konzerten dargeboten (wohl auch auf Grund des etwas dubioseren Films), aber die positive Reaktion der Zuschauer wird dazu beitragen, dass sich daran wohl erst einmal nicht viel ändern wird.
Nach einem kurzen Abgang von der Bühne, trat Morricone erneut auf das Podium um den nächsten Block zu präsentieren.
Die Sopranistin Susanna Rigacci hatte nun die schwere Aufgabe, die so legendäre Stimme Edda Del'Orsos in der Interpretation von Morricones Western-Kompositionen zu ersetzen. Und es gelang ihr ausnahmslos. Ihre Stimme integrierte sich bestens in das Orchesterspiel und in den Gesang des Chores. Nach den Themen aus THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY, ONCE UPON A TIME IN THE WEST und A FISTFUL OF DYNAMITE , begeisterte besonders >The Ecstasy of Gold<, ebenfalls aus THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY, für viele, Morricones ultimative Western-Komposition.
Im dritten Block und nach der Pause kam dann erstmals die portugiesische Fado-Sängerin Dulce Pontes zum Einsatz, die seit Mitte der neunziger Jahre zum engeren Morricone-Umfeld gehört.
In LA LUZ PRODIGIOSA (aus dem letzten Jahr und eine seiner gelungensten Arbeiten der letzten Zeit), SACCO AND VANZETTI, SOSTIENE PEREIRA und dem überraschenden, wortlosen, improvisiert wirkenden Gesang bei dem diesen Block abschließenden >Abolission< aus QUEIMADA, konnte sie wiedermal ihre geradezu gewaltige (für manche vielleicht gewalttätige....) Stimme in Hochform präsentieren.
Neben den routiniert gespielten und schon lange im Live-Repertoire enthaltenen Themen aus BATTLE OF ALGIERS, INDAGINE SU UN CITTADINO AL DI SOPRA DI OGNI SOSPETTO und LA CLASSE OPERIA VA IN PARADISO war mein persönlicher Favorit in diesem Block (und vielleicht auch des ganzen Konzertes) die elegische Suite aus CASUALTIES OF WAR; ein emotionaler Höhepunkt und erstklassig dargeboten.
Der letzte Block überzeugte wieder durchgängig mit dem wunderbaren, zurückhaltenden Thema aus IL DESERTO DEI TARTARI (tolles Tuba-Solo von Augusto Mentuccia) in zweifacher Interpretation, dazwischen die komplexe Komposition zu RICHARD III, eine willkommene Abwechselung hin zu Morricones weniger melodischem Stil.
Abschließend die Suite aus THE MISSION, seine wohl beeindruckenste Filmmusikkomposition, bestehend aus >GABRIEL'S OBOE< (wieder ein erstklassiger Solo-Beitrag, diesmal von Carlo Romano), >THE MISSION< und natürlich >ON EARTH AS IT IS IN HEAVEN<.
Nach diesem fulminanten Finale gab es Standing Ovations von einem vollkommen euphorischen Publikum, dass nach dem ersten Zugabenblock (bestehend aus der Wiederholung von A FISTFUL OF DYNAMITE, >The Ecstasy of Gold< aus THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY und einer überraschend mit Text versehenen und von Dulce Pontes vorgetragenen Version mit Themen aus THE MISSION) in ein von Orchester und Chor unterstützten Happy Birthday-Gesang ausbrach und den Maestro - eindeutig gerührt - zum schnellen Beginn der zweiten Zugabe "nötigte".
>Abolisson< aus QUEIMADA (diesmal ohne Dulce Pontes) beendete das Konzert nach unzähligen erneuten Auftritten Morricones und den zusätzlichen Ovationen für die diversen Solisten.
Noch einmal herzlichen Glückwunsch, Maestro und hoffentlich auf ein Wiedersehen zum 80. Geburtstag!
Autor: Torsten Koch